Benachteiligungserfahrungen im Ost-West-Vergleich

Benachteiligungserfahrungen von Personen

mit und ohne Migrationshintergrund. Eine Expertise...

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Benachteiligungserfahrungen von Personen mit und ohne Migrationshintergrund im Ost­West­Vergleich Im Mittelpunkt der vorliegenden Studie stehen Benachteiligungserfahrungen, Verhaltenstendenzen in gesellschaftlich heterogenen Alltagssituationen und generalisiertes Misstrauen im Sinne eines pauschal nicht vorhandenen Vertrauens in einzelne Herkunftsgruppen. Die Studie basiert auf Daten des SVR­Integrationsbarometers 2012, für das sowohl Zuwanderer­ als auch Mehrheitsbevölkerung zu den gleichen Themen befragt werden. Benachteiligung, also die Schlechterbehandlung von Personen oder Gruppen aufgrund bestimmter Merkmale, wird von der Zuwandererbevölkerung etwa doppelt so häufig berichtet wie von der Mehrheitsbevölkerung. Rund 25 Prozent der Befragten ohne und 41,9 Prozent der Befragten mit Migrationshintergrund geben an, in einem der acht abgefragten Lebensbereiche benachteiligt worden zu sein. Einen signifikanten Unterschied zwischen Ost­ und Westdeutschland gibt es dabei nicht. Die meisten Befragten nahmen Benachteiligung in den Bereichen Ämter und Behörden, Arbeitsmarkt und öffentliche Transportmittel wahr (absolute Zahlen). Wird berücksichtigt, dass einige Lebenssituationen - wie beispielsweise die Wohnungssuche oder der Besuch einer Bildungsstätte - nicht für alle Befragten relevant waren, sind hingegen Bildung und Arbeit die beiden Bereiche, in denen der größte Prozentsatz der dort Aktiven Diskriminierung angibt. Bei den Antworten zu Benachteiligungserfahrungen ist immer zweierlei zu berücksichtigen: Ein hohes Ausmaß an angegebenen Benachteiligungserfahrungen kann nicht nur auf ein höheres Ausmaß an real erlebten benachteiligenden Situationen zurückgeführt werden, sondern auch auf eine erhöhte Sensibilität der befragten Personen. Dies gilt insbesondere für diejenigen, die in Deutschland aufgewachsen, also hier sozialisiert worden sind, sich zugehörig fühlen und durchschnittlich umso sensibler auf Handlungen oder Haltungen reagieren, die diese Zugehörigkeit faktisch oder aus ihrer Sicht infrage stellen. In den Verhaltenstendenzen zeigt sich eine Ambivalenz gegenüber gesellschaftlicher Heterogenität. So ist die Bereitschaft, in einem ethnisch heterogenen Umfeld zu arbeiten, hoch. Auch die Akzeptanz binationaler Ehen in der eigenen Familie ist relativ groß. In der Nachbarschaft und im Bildungssystem jedoch begegnet etwa die Hälfte der Befragten mit und ohne Migrationshintergrund gesellschaftlicher Heterogenität mit Skepsis. Hingegen ist generalisiertes Misstrauen nur auf niedrigem Niveau vorhanden, bei Personen mit Migrationshintergrund aber tendenziell ausgeprägter als bei Personen ohne Migrationshintergrund. Die Befunde sind kein Grund zu Alarmismus, zeigen aber, wie wichtig eine effektive Antidiskriminierungsarbeit insbesondere in einer sich pluralisierenden Gesellschaft ist. Das Thema Diskriminierung hatte in der deutschen Öffentlichkeit bislang keinen hohen Stellenwert. Die deutsche Integrationsforschung beschränkte sich zur Erklärung von faktischen oder empfundenen Benachteiligungen von Personen mit Migrationshintergrund neben dem Hinweis auf oft nicht näher spezifizierte ''kulturelle'' Faktoren insbesondere auf sozioökonomische Faktoren und Bildungsaspekte, wie z.B. ein niedriges Qualifikationsniveau und geringe Deutschkenntnisse, die eine chancengleiche Teilhabe an zentralen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens erschweren. Diskriminierungsforscher führen dagegen an, dass die Unterschiede zwischen Personen mit und ohne Migrationshintergrund auch dann nicht vollständig zu klären sind, wenn diese Faktoren, die einen wesentlichen Einfluss auf die gesellschaftliche und soziale Position ausüben, konstant gehalten werden (vgl. Peucker 2010a). Seit dem Inkrafttreten des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG), das auf die Umsetzung von EU­Richtlinien zu Antidiskriminierung zurückgeht, wird über Ungleichbehandlung auch stärker in der Öffentlichkeit diskutiert. Allerdings ist über das Ausmaß von Diskriminierung wegen der schlechten Datenlage nach wie vor wenig bekannt. Untersuchungen in Deutschland haben bislang punktuell für bestimmte Gruppen von Personen mit Migrationshintergrund Diskriminierungserfahrungen erhoben, beispielsweise für Menschen türkischer Herkunft in Nordrhein­Westfalen (Sauer 2010), Musliminnen und Muslime (Brettfeld/Wetzels 2007) oder für die größten Ausländergruppen in Deutschland, zu denen türkische, griechische, italienische und polnische Staatsangehörige und Ausländerinnen und Ausländer mit Staatsangehörigkeiten der jugoslawischen Nachfolgestaaten zählen (BAMF 20102), oder für Personen mit Migrationshintergrund aus den größten Zuwanderergruppen (Bertelsmann Stiftung 20093). Der in der internationalen Diskussion und im allgemeinen Sprachgebrauch verwendete Begriff ''Diskriminierung'' entspricht dem, was das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) als ''Benachteiligung'' bezeichnet (s. http://www.antidiskriminierungsverband.eu/faq.htm). Diskriminierung und Benachteiligung werden im folgenden Text daher synonym gebraucht. In der Repräsentativbefragung ''Ausgewählte Migrantengruppen in Deutschland 2006/2007'' wurden Zugewanderte aus der Türkei, Griechenland, Italien und Polen sowie Zugewanderte aus den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawiens befragt. Für die von der Bertelsmann Stiftung in Auftrag gegebene Studie wurden 1.581 Personen mit Migrationshintergrund aus der Türkei, der ehemaligen Sowjetunion (bzw. den Nachfolgestaaten Russland, Kasachstan, Ukraine), dem ehemaligen Jugoslawien (bzw. den Nachfolgestaaten Bosnien und Herzegowina, Kroatien, Serbien, Montenegro, Kosovo, Mazedonien, Slowenien) sowie aus Polen, Italien, Spanien und Griechenland befragt. In einer Spezialauswertung des Eurobarometers zu Diskriminierung (Europäische Kommission 2009) wurden - entlang der definierten Merkmale ethnische Herkunft, Alter, Behinderung, sexuelle Orientierung, Geschlecht, Religion oder Weltanschauung - Diskriminierungserfahrungen der Befragten in den vorangegangenen zwölf Monaten erfasst. In Deutschland antworteten 13 Prozent der Befragten, dass sie sich in diesem Zeitraum aufgrund eines dieser Merkmale diskriminiert fühlten, und 29 Prozent meinten, solche Diskriminierungen beobachtet zu haben. Im europäischen Vergleich liegt Deutschland damit im Mittelfeld. Die 1.523 in Deutschland befragten Personen wurden zwar danach gefragt, ob sie sich einer Minderheit im Hinblick auf ein Merkmal zuordnen (nicht gefragt wurde nach Alter und Geschlecht), doch es erfolgten keine weiteren Auswertungen auf nationaler Ebene, da die Fallzahlen zu gering waren. Damit blieben zentrale Fragen offen, darunter auch: Wie erleben Personen mit Migrationshintergrund Benachteiligung? Welche Gruppen sind besonders betroffen? Und in welchen Bereichen kommt Benachteiligung besonders häufig vor? Diese Fragen werden in der vorliegenden Studie analysiert. Sie basiert auf dem SVR­Integrationsbarometer, einer repräsentativen Befragung von über 9.200 Personen mit und ohne Migrationshintergrund (Infobox 1). Die Fragen zielen auf Benachteiligungserfahrungen und ­empfindungen aufgrund der ethnischen Herkunft, wobei auch andere Merkmale wie z.B. Geschlecht, Alter oder Religionszugehörigkeit eine Rolle spielen können und somit auch Mehrfachdiskriminierungen erhoben werden. Die Stichprobe kann auch nach unterschiedlichen Zuwanderergruppen ausgewertet werden. Das Wissen um betroffene Gruppen und Lebensbereiche ist Voraussetzung für einen angemessenen Diskriminierungsschutz. Darüber hinaus ist das Ausmaß von Diskriminierung ein wichtiger Indikator für die Einschätzung von Offenheit und Fairness in einer Gesellschaft und damit für die Bereitschaft, ihren Mitgliedern Teilhabechancen zu gewähren. Eine entscheidende Voraussetzung für Diskriminierungsfreiheit ist die Akzeptanz von gesellschaftlicher Heterogenität. Ökonomische Ausgleichsmechanismen, politischer Dialog und vor allem auch die soziale Annäherung verschiedener Gruppen beugen gesellschaftlichen Konflikten vor, die aus Benachteiligungserfahrungen erwachsen können. Daher werden in der vorliegenden Studie auch Verhaltenstendenzen in verschiedenen Lebensbereichen, in denen ethnische Heterogenität eine Rolle spielt, untersucht und so Gruppen mit besonders starken Vorbehalten identifiziert. Da Personen mit Migrationshintergrund eine sehr heterogene Gruppe bilden und nicht nur gegenüber der Mehrheitsbevölkerung, sondern auch zwischen einzelnen Herkunftsgruppen Vorurteile bestehen können, soll zudem analysiert werden, wer wem mit Misstrauen begegnet. In einer sich pluralisierenden Gesellschaft kann solch generalisiertes Misstrauen zu Diskriminierungen führen, die sich negativ auf das Zusammenleben auswirken. Die Untersuchungsergebnisse zu diesen drei miteinander verwobenen Aspekten - Benachteiligungserfahrungen, Verhaltenstendenzen und generalisiertes Misstrauen - werden im Folgenden nacheinander dargestellt ...

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