<h1>Sprachliche H&uuml;rden in der Ausbildung (Leitfaden f&uuml;r die Praxis)</h1> <h2>Dieser Leitfaden gibt Ausbildern und Ausbilderinnen Tipps und Anregungen, wie Auszubildende unterst&uuml;tzt werden k&ouml;nnen, die die deutsche Sprache noch nicht sicher beherrschen, und wie sprachlichen Missverst&auml;ndnissen in der Ausbildungszeit vorgebeugt werden kann... Quelle BIBB</h2> <p>Sprachliche H&uuml;rden in der Ausbildung und wie man sie &uuml;berwinden kann Ein Leitfaden f&uuml;r die Praxis Bedeutungswechsel in Wortverbindungen. Feststehende Redewendungen. Redensarten. H&ouml;flichkeitsfloskeln. Alltagssprache. Angemessenheit der Sprache. Kompliziert formulierte Arbeitsanweisungen. Zutrauen bei anspruchsvollen sprachlichen Anforderungen!. &#039;&#039;Sprachf&ouml;rderung&#039;&#039; wird noch immer h&auml;ufig als rein schulische Angelegenheit aufgefasst. Aber auch Betriebe k&ouml;nnen Auszubildende unterst&uuml;tzen, die die deutsche Sprache noch nicht sicher beherrschen. Daf&uuml;r sind Ausbilderinnen und Ausbilder gefragt, die sich ihre eigene Ausdrucksweise bewusst machen und bereit sind, auch sprachlichen Missverst&auml;ndnissen auf den Grund zu gehen. Das ist nicht kompliziert, sondern alltagstauglich schauen Sie selbst! Auszubildende, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, haben mitunter Schwierigkeiten damit, Erkl&auml;rungen und Anweisungen zu verstehen und eigene Gedanken sprachlich angemessen zum Ausdruck zu bringen. Dies kann im Betrieb zu Irritationen und Konflikten f&uuml;hren, die das Ausbildungsverh&auml;ltnis unter Umst&auml;nden nachhaltig belasten. Viele Probleme lassen sich aber vermeiden, wenn Ausbilderinnen und Ausbilder grundlegende H&uuml;rden kennen, die ihren Auszubildenden die Kommunikation in Deutsch als Zweitsprache1 schwer machen. Einige Probleme und L&ouml;sungen stellen wir Ihnen hier vor. Der Begriff &#039;&#039;Zweitsprache&#039;&#039; meint die zweite Sprache, die ein Mensch nach der &#039;&#039;Muttersprache&#039;&#039; oder Erstsprache erlernt und im Alltag praktiziert. Die Zweitsprache kann dabei auch die haupts&auml;chlich verwendete Sprache sein. Wer die deutsche Sprache noch nicht sicher beherrscht, tut sich in der Ausbildung mitunter schwer, Begriffe und Formulierungen zu verstehen, die Muttersprachler/-innen ganz &#039;&#039;selbstverst&auml;ndlich&#039;&#039; verwenden. Dies betrifft nicht nur Fachw&ouml;rter, sondern zum Beispiel auch mehrdeutige Begriffe, selten benutzte oder zusammengesetzte W&ouml;rter und Redewendungen sowie vermeintlich eindeutige Begriffe, deren Bedeutung sich &auml;ndert, je nachdem, in welchem Zusammenhang sie verwendet werden. Auch eigene Gedanken k&ouml;nnen Auszubildende, die erst begonnen haben, die deutsche Sprache zu erlernen, nicht immer angemessen in der Zweitsprache formulieren. Wenn Ausbilderinnen und Ausbilder wissen, wie schnell in dieser Situation Missverst&auml;ndnisse entstehen, k&ouml;nnen sie ihre Auszubildenden wirkungsvoll unterst&uuml;tzen: indem sie auf ihre eigene Ausdrucksweise achten und indem sie bei &#039;&#039;merkw&uuml;rdigen&#039;&#039; Reaktionen gleich nachfragen, was ihr Azubi verstanden hat oder sagen wollte. Dieser Leitfaden will sensibilisieren und Anregungen f&uuml;r die Praxis geben. Bedeutungswechsel in Wortverbindungen Eine Quelle m&ouml;glicher Missverst&auml;ndnisse ist es, wenn ein bekanntes Wort in der Verbindung mit anderen W&ouml;rtern seine urspr&uuml;ngliche Bedeutung &auml;ndert. Einige Beispiele dazu: in Kraft treten g&uuml;ltig werden (nicht: die Kraft, zu treten), das Recht einr&auml;umen das Recht bekommen (nicht: die Regale einr&auml;umen), in Betracht ziehen &uuml;berlegen, etwas zu tun (nicht: etwas bewegen wollen), Italienisch ist einfach - aber: Deutsch ist einfach schwierig! Dasselbe gilt, wenn bekannte W&ouml;rter in anderen enthalten sind und dadurch eine andere Bedeutung erhalten. Wirtschaftskunde Unterrichtsfach in der Berufsschule (nicht: der Kunde einer Wirtschaft), lediglich allein, unbedeutend (nicht: ledig), erfolgen geschehen (nicht: Erfolg haben). Feststehende Redewendungen &Auml;u&szlig;erungen des Gegen&uuml;bers k&ouml;nnen unklar sein oder &Auml;rger erzeugen. Dann ist es wichtig, nicht vorschnell zu urteilen, sondern nachzufragen. Denn Redewendungen, die Muttersprachler/-innen ganz selbstverst&auml;ndlich verstehen, k&ouml;nnen Zweitsprachler/-innen vor erhebliche Schwierigkeiten stellen: Was gemeint ist, l&auml;sst sich nicht aus den einzelnen Elementen der Aussage erschlie&szlig;en. Ist die Bedeutung nicht bekannt oder missverstanden worden, kann das den Umgang miteinander belasten - zum Beispiel dann, wenn eine &Auml;u&szlig;erung als arrogant oder unversch&auml;mt empfunden wird: Gesagt wird: &#039;&#039;Das ist nicht mein Problem.&#039;&#039; - Gemeint ist: &#039;&#039;Das ist nicht meine Schuld.&#039;&#039; Gesagt wird: &#039;&#039;Da hab&rsquo; ich nichts von.&#039;&#039; - Gemeint ist: &#039;&#039;Daf&uuml;r kann ich nichts.&#039;&#039; Gesagt wird: &#039;&#039;Das ist doch egal.&#039;&#039; - Gemeint ist: &#039;&#039;Das ist doch &uuml;berall gleich.&#039;&#039; Redensarten Auch wenn bekannte Begriffe in einem unbekannten, logisch nicht passenden Zusammenhang auftauchen, erschwert dies das Verst&auml;ndnis. Unverst&auml;ndnis und Verwirrung k&ouml;nnen zum Beispiel folgende Formulierungen ausl&ouml;sen: auf der Nase herumtanzen, sich etwas hinter die Ohren schreiben, auf dem Schlauch stehen, ein Fass aufmachen, nicht der Rede wert sein, in Teufels K&uuml;che kommen, bei jemandem gut Wetter machen. Es ist darum besser, auf bildhafte Formulierungen zu verzichten, wenn einzelne W&ouml;rter nicht zur Bedeutung der Redewendung insgesamt passen. Zum Thema &#039;&#039;Sprache und Kultur in der Ausbildung&#039;&#039; zeigt die Fachstelle &#039;&#039;&uuml;beraus&#039;&#039; in Videoclips einige Ausbildungssituationen aus der Perspektive von Ausbilder/innen und Auszubildenden, die die unterschiedlichen Wahrnehmungen ein und derselben Situation veranschaulichen. Die Szenen wurden aus Interviews und Hintergrundgespr&auml;chen entwickelt und spiegeln Konflikte wider, die in kurzen Geschichten exemplarisch dargestellt werden. Link: www.ueberaus.de/sprache-kultur-ausbildung H&ouml;flichkeitsfloskeln H&ouml;fliche Formulierungen sind f&uuml;r Zweitsprachler/-innen schwierig zu verstehen und zu verwenden, wenn sie in einen komplizierten Satz eingebaut sind. Im Zweifelsfall ist es besser, weniger auf die Formulierung zu achten als darauf, ob jemand sich tats&auml;chlich h&ouml;flich verh&auml;lt. &#039;&#039;Ich w&auml;re Ihnen dankbar, wenn Sie jetzt die T&uuml;re schlie&szlig;en k&ouml;nnten.&#039;&#039; - Besser: &#039;&#039;Bitte machen Sie die T&uuml;r jetzt zu.&#039;&#039; Alltagssprache Fachlehrkr&auml;fte vermeiden bei Erkl&auml;rungen mitunter die Alltagssprache, weil sie bef&uuml;rchten, Inhalte dann nicht korrekt wiederzugeben oder unseri&ouml;s zu wirken. Wer eine Sprache zu erlernen beginnt, kann aber in der Regel alltagssprachliche Ausf&uuml;hrungen weit besser verstehen als fach- oder bildungssprachliche. Darum kann hier die M&ouml;glichkeit der Sprachvereinfachung durchaus genutzt werden. In jedem Fall muss es zuerst darum gehen, sicherzustellen, dass das Gesagte auch richtig verstanden wurde (Verst&auml;ndnissicherung). Dass Inhalte &#039;&#039;verw&auml;ssert&#039;&#039; werden oder Erl&auml;uterungen weniger &#039;&#039;fachlich&#039;&#039; wirken k&ouml;nnen, ist das weitaus kleinere Risiko im Vergleich dazu, dass Inhalte gar nicht oder falsch verstanden werden! Einige Beispiele: kreisf&ouml;rmig - rund unsachgem&auml;&szlig; - nicht richtig genehmigen - erlauben schwinden - weniger werden ein Werkzeug &#039;&#039;geben&#039;&#039; statt &#039;&#039;reichen&#039;&#039;. Angemessenheit der Sprache Bei der Verwendung von Umgangssprache ist zugleich besondere Aufmerksamkeit daf&uuml;r notwendig, dass die Ausdrucksweise der jeweiligen Situation angemessen ist. Wenn Auszubildende die Bedeutung einzelner Begriffe nicht genau einsch&auml;tzen k&ouml;nnen, werden sie im Zweifelsfall die Ausdrucksweise &uuml;bernehmen, die sie im Betrieb geh&ouml;rt haben. Das gilt auch f&uuml;r Formulierungen, die im vertrauten Kollegenkreis &uuml;blich sind, aber nicht geeignet f&uuml;r den Umgang mit Kunden oder in einer Pr&uuml;fung. Ein lockerer Umgangston mag den Kontakt zwischen Ausbilder/-in und Auszubildenden vordergr&uuml;ndig erleichtern - er kann aber auch problematisch werden, wenn Auszubildende etwa vulg&auml;re Ausdr&uuml;cke &uuml;bernehmen und in einem unpassenden Zusammenhang verwenden. Wer die Feinheiten der deutschen Sprache noch nicht kennt, kann nicht beurteilen, welche Formulierung in welchem Kontext vulg&auml;r wirkt und warum. Auch dazu einige Beispiele: &#039;&#039;Putz doch der Frau Maier mal den Arsch ab.&#039;&#039; (Pflege) &#039;&#039;Sie m&uuml;ssen den Kunden die Klamotten zeigen.&#039;&#039; &#039;&#039;Was machst du denn da? Hast du noch alle Tassen im Schrank?&#039;&#039; Dialekt Auszubildende, die neu in Deutschland sind, lernen im Sprachkurs bundesweit Hochdeutsch. Ein ausgepr&auml;gter Dialekt des Ausbildungspersonals kann deshalb dazu f&uuml;hren, dass fachliche Erkl&auml;rungen und Anweisungen gar nicht verstanden werden. &#039;&#039;D&auml;tsch des do nei do&#039;&#039; - Sowohl der schw&auml;bische Konjunktiv &#039;&#039;d&auml;tsch&#039;&#039; (&#039;&#039;t&auml;test du&#039;&#039;) als auch der Rest des Satzes (&#039;&#039;das da reintun&#039;&#039;) werden nicht verstanden. &#039;&#039;Du musst das net mache&#039;&#039; - &#039;&#039;Net&#039;&#039;, das zum Beispiel im Hessischen benutzt wird, kann als &#039;&#039;nett&#039;&#039; missverstanden werden, die Bedeutung wird dann durch die Fehlinterpretation in ihr Gegenteil verkehrt. Gemeint ist: &#039;&#039;nicht&#039;&#039;. &#039;&#039;Komm um drei Viertel eins vorbei&#039;&#039; - Gemeint ist: &#039;&#039;um Viertel vor eins&#039;&#039;. Kompliziert formulierte Arbeitsanweisungen Arbeitsanweisungen, die zum Beispiel mehrere Nebens&auml;tze oder Konjunktive enthalten, sind f&uuml;r Sprachlernende schwer zu verstehen. Wenn sich Auszubildende zudem scheuen, bei Verst&auml;ndnisschwierigkeiten nachzufragen, sind Fehler vorprogrammiert: Die in der Natur vorkommenden Stoffe hei&szlig;en Rohstoffe. - Die Stoffe, die in der Natur vorkommen, hei&szlig;en Rohstoffe. Zusammengesetzte W&ouml;rter k&ouml;nnen durch kurze Erl&auml;uterungen ersetzt werden. - Statt Datenerfassungsger&auml;t: das Ger&auml;t, mit dem die Daten erfasst werden. Die Stromabschaltung hat zu erfolgen, wenn Schalten Sie den Strom ab, wenn Zutrauen bei anspruchsvollen sprachlichen Anforderungen! Der Sprachgebrauch von Ausbilderinnen und Ausbildern kann einen wertvollen Beitrag dazu leisten, dass ihre Auszubildenden die deutsche Sprache immer besser verstehen und anwenden. Wichtig ist daneben aber auch die Praxis im Umgang mit sprachlich anspruchsvollen Situationen: Mitunter werden Auszubildende wegen ihrer Unsicherheiten von Aufgaben ferngehalten, die mit sprachlichen Anforderungen verbunden sind, weil man ihnen nicht zutraut, selbstst&auml;ndig zu kommunizieren. Das passiert quasi automatisch und verhindert sprachliches Lernen im Betrieb. Dieselbe Wirkung ist abzusehen, wenn Auszubildende selbst versuchen, sprachlichen Anforderungen auszuweichen und Situationen meiden, in denen sie zum Beispiel schreiben oder telefonieren m&uuml;ssten: Sobald Kunden den Betrieb betreten, versuchen Kolleginnen und Kollegen mit deutscher Muttersprache ihre Auszubildenden zu unterst&uuml;tzen. Den Elternsprechtag protokollieren stets ausschlie&szlig;lich die muttersprachlichen Kollegen und Kolleginnen in einer Kindertagesst&auml;tte. Auszubildende, die sprachliche Fehler machen k&ouml;nnten, werden weitestgehend vom Telefondienst ferngehalten. Schriftliche Mitteilungen (zum Beispiel Urlaubsantr&auml;ge) schreiben stets die Vorgesetzten, nicht die Auszubildenden selbst. Ausbilder/-innen wenden sich bei Erkl&auml;rungen spontan an diejenigen Auszubildenden, die die deutsche Sprache gut verstehen. Wie viel Schutz der Auszubildenden vor &uuml;berfordernden Anforderungen notwendig ist und wo ihr Lernprozess gerade durch sprachliche Herausforderungen angeregt und unterst&uuml;tzt werden kann, entscheidet sich stets im konkreten Einzelfall</p> <p><a href="https://www.bewerberAktiv.de/pdf/02374.pdf">Publikation zeigen</a></p>