Gute Arbeit braucht Erholzeiten (Argumente und Fakten)

Arbeitnehmer sollen aufrecht und gesund ins Rentenalter gehen können

und nicht krank auf allen Vieren krabbelnd

über die Grenze des Vorruhestands kriechen müssen...

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Projekt Gute Arbeit in Zusammenarbeit mit Funktionsbereich Tarifpolitik Erholzeiten und menschenwürdige Arbeitsbedingungen. Sind Erholzeiten unmodern? Welche Folgen hat das für die Gesundheit der Beschäftigten? Arbeits- und Leistungsbedingungen für Ältere. Was die Arbeitswissenschaft zu Erholzeiten sagt. Erholpausen verringern Verschleiß gerade auch bei restriktiven Arbeitsbedingungen. Ist Humanisierung zu teuer? Humanisierungs- und Gestaltungsbedarf steigt. Der Streit um die Erholpausen im Tarifvertrag zur Fortführung des LRTV II in BadenWürttemberg, den die Arbeitgeber vom Zaun gebrochen haben, bündelt sehr viel mehr Motive als diesen unmittelbaren Anlass. Der Protest gegen die Kündigung dieses Tarifvertrages ist auch ein Protest gegen die Verschärfung der Arbeits- und Leistungsbedingungen in den vergangenen Jahren. Viele ehemalige Konzepte von humaner Arbeit werden heute einem kurzfristigen Kostendenken geopfert, Stückzahlen werden permanent erhöht, die Taktzeiten gleichzeitig verkürzt und auch in den indirekten Bereichen steigt die Leistungsintensität. Den Menschen bleibt kaum die Luft zum Atmen. Die Verteidigung der Erholzeiten in Nordwürttemberg-Nordbaden ist angesichts dieser Entwicklungen der Arbeitsbedingungen von hoher Bedeutung für die betroffenen Beschäftigten. Sie ist darüber hinaus auch deshalb so wichtig, weil die Arbeitgeber im nächsten Schritt überall noch bestehende tarifliche oder betriebliche Erholzeitregelungen zur Disposition stellen würden. Es geht nicht zuletzt darum, dass die humane Gestaltung von Arbeit generell auf dem Prüfstand steht. Humanisierung der Arbeitswelt soll offenbar zum Relikt früherer Jahrzehnte erklärt werden. Die hier vorgelegte Bilanz der Arbeitsbedingungen zeigt aber, dass wir keinen Abbau, sondern neue und kräftigere Anstrengungen für humane Arbeitsgestaltung brauchen. Gute Arbeit ist ein hochaktuelles Thema in den Betrieben. Auch deshalb sind die qualitativen Bestandteile unserer Tarifforderungen 2006 so wichtig: Gute Arbeit setzt Innovation und Qualifizierung voraus und befördert gleichzeitig die Innovationsfähigkeit in den Betrieben. Insbesondere in einer alternden Arbeitsgesellschaft sind dies entscheidende Zukunftsfragen. Zukunftsfähige Konzepte können nicht auf phantasielosen Programmen zur Senkung von Arbeitskosten und einer kurzfristigen shareholder-value-Politik basieren. Sie benötigen vielmehr Investitionen in Forschung und Entwicklung, in optimierte Arbeitsprozesse und in Qualifizierung. Wer die Auseinandersetzung um qualitative Elemente und Forderungen zur Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen als Relikt der Vergangenheit betrachtete, hat sich gründlich getäuscht. Zum erstmöglichen Zeitpunkt haben die Arbeitgeber im Herbst vergangenen Jahres in Baden-Württemberg den Tarifvertrag zur Fortführung des LRTV II (Lohnrahmentarifvertrag II) gekündigt. Damit werden die in diesem Tarifvertrag vereinbarten Erholungszeiten von 5 Minuten pro Stunde und die persönlichen Verteilzeiten von 3 Minuten pro Stunde sowie die Bestimmungen zu den Taktzeiten und zur Personalbesetzung bei Fließ-, Akkord- und Prämienarbeit zur Disposition gestellt. Aus Sicht der Arbeitgeber soll verhindert werden, dass die Regelungen dieses Tarifvertrages in die Betriebe übernommen werden, die den neuen Entgeltrahmentarifvertrag (ERA) einführen und damit in der ''neuen ERA Welt'' gelten. Diese Aufkündigung wurde seit längerem vorbereitet: Bereits 2004 hatten die Arbeitgeber die als ''Steinkühlerpause'' bekannten Erholzeiten als ''baden-württembergische Krankheit'' diffamiert und das Ziel formuliert, sie abzuschaffen. Die Arbeitgeber argumentieren mit dem globalen Wettbewerbsdruck und erklären sowohl die Erhol- und Verteilzeiten als auch die qualitativen Mitbestimmungsrechte bei der Leistungsgestaltung zum ''Anachronismus''. Dabei stört sie die Verbindlichkeit der ''pauschalen Regelungen'' ebenso wie ihre materielle Substanz. Otmar Zwiebelhofer, Vorsitzender des Verbandes der Metall- und Elektroindustrie Baden-Württemberg - Südwestmetall: ''Um diesen - übrigens bundesweit einzigartigen - Kostennachteil einmal zu beziffern: Er beläuft sich auf rund 8% allein gegenüber dem Rest der Republik. Oder anders ausgedrückt: Umgerechnet kommen einige zehntausend Beschäftigte im Leistungslohn im Tarifgebiet Nordwürttemberg-Nordbaden in den Genuss einer 30,5 Stunden Woche mit vollem Lohnausgleich.'' (10.11.2005 in Balingen). Mit dieser Aussage bringt Otmar Zwiebelhofer auf den Punkt, worum es bei der Kündigung dieser angeblich überholten Regelungen geht: Um ein Kostensenkungs- und Kostenvermeidungsprogramm in der Zukunft. Die ''neue ERA Welt'' soll frei von Mitbestimmungselementen und den benannten Kosten sein und bleiben. Die Bestimmungen des LRTV II und die Fortführungsregelungen haben eine hohe Bedeutung für rund 92.000 betroffene Beschäftigte im Tarifgebiet NordwürttembergNordbaden, weil heute steigender Leistungsdruck und wieder kürzere Takte im Akkord und in der Fließfertigung Erhol- und Verteilzeiten notwendiger denn je machen, ganz abgesehen von den Mitbestimmungsrechten, die ebenfalls gerade heute eine Voraussetzung für die Gestaltung humaner Arbeit sind ...

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